Gesegnete Hungerspiele: vier Tage vor #Sotschi2014

Gesegnete Hungerspiele: vier Tage vor #Sotschi2014

Am kommenden Freitag ist es soweit. Die zweiundzwanzigsten Olympischen Winterspiele werden im russischen Sotschi eröffnet.
Es ist bereits viel über die Wahl des Gastgeberlandes berichtet und gestritten worden. Mittlerweile dürfte fast jedem die tragischen Schicksale vieler Menschen in Russland einigermaßen bekannt sein. Westliche und besonders deutsche Medien haben in den vergangenen Wochen und Monaten sehr intensiv über die Verhältnisse berichtet.

Vor etwas mehr als einer Stunde brachte das @tageblatt die Breaking-News, dass sich das luxemburgische Staatsoberhaupt, Großherzog Henri, sowie sein Sohn Felix, zu den Eröffnungsfeierlichkeiten der Spiele fahren sollen.

Nachdem nun aber bereits mehrere Staats- und Regierungschefs, wie beispielsweise der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, die Bundeskanzlerin Angela Merke, der französische Staatspräsident François Hollande oder hohe EU-Vertreter wie die Vize-Präsidentin der Kommission Viviane Reding, angekündigt haben, nicht zur Eröffnungsfeier reisen zu wollen, stelle ich mir nun die Frage, ob Großherzog Henri sowie sein Sohn sich Gedanken darüber gemacht haben, den Spielen ebenfalls fern zu bleiben oder welchen Eindruck ihre Anwesenheit dort machen wird. Doch aufgrund der Mitgliedschaft Henris im Internationalen Olympischen Comité dürfte eine Absage wohl kaum in Frage gekommen sein.

Sehr interessant dürfte dann auch die Haltung der großherzoglichen Familie zu den Geschehnissen in Russland sein. Reist Henri denn nun doch mit Bauchschmerzen nach Sotschi, sich der alles andere als sonnigen Situation der Menschenrechte in Russland bewusst? Wird er als IOC-Mitglied versuchen, nun da er dann doch da sein wird, mit der russischen Regierung ins Gespräch zu kommen um ihnen eine Lektion in Sachen Menschrechte zu erteilen, die in der Olympischen Charta so heroisch hochgehalten werden? Ich bin daher sehr gespannt wie und ob er überhaupt auf den Offenen Brief der jungen Grünen antworten wird.

Etwas erschrocken war ich dann über Aussagen Jean Asselborns am Samstag im Background-Gespräch. Er äusserte hier die Meinung, dass es nicht an der Politik wäre, solche Sportveranstaltungen zu boykottieren. Ich bin fundamental der Meinung, dass das IOC nach den Spielen in China ein weiteres mal eine riesige Fehlentscheidung bei der Auswahl des Veranstaltungsortes getroffen hat. Sicher, im Juli 2007 konnte man noch nicht ahnen, dass nun  Gesetze wie das sogenannte „Anti-Homo-Propaganda“-Gesetz verabschiedet werden und mittlerweile in Kraft sind. Es hätte aber die Möglichkeit geben müssen, Russland die Spiele wieder zu entziehen. Da das IOC diese Entscheidung aber nicht getroffen hatte, ist es nun an der Politik, ihr Missfallen auszudrücken.

Nach den Spielen wird sich die Weltaufmerksamkeit von Russland abwenden, zumindest bis die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018 ins Haus steht. Doch was passiert bis dahin? Ein Gesetzesentwurf des Koalitionspartner Putins soll Ende Februar, rein zufällig nach den Winterspielen, zur ersten Lesung in die Staatsduma eingebracht werden. Würde es der Text bis zur dritten Lesung überstehen und danach in Kraft treten, könnte gleichgeschlechtlichen Elternpaaren das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen werden. Das Ziel dieses Gesetzes wird mit dem Schutz der Kinder begründet, die Aufgrund nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen innerhalb der Familien bleibende Schäden erhalten könnten. Dies würde bedeuten, dass das „Anti-Homo-Propaganda“-Gesetz, welches die Werbung in der Öffentlichkeit verbietet, nun auch auf die Familie ausgeweitet werden soll. Es wäre neben diesem sowie den beiden Verboten im Adoptionsrecht durch gleichgeschlechtliche Paare das nun mehr vierte Gesetz, welches die Rechte Homosexueller einschränkt. Homosexualtität würde, jedenfalls beim Sorgerecht, gleichgesetzt werden mit Zoophilie, Pedophilie und als ähnlich schädlichen Einfluss gewertet werden wie Drogensucht oder starker Alkoholismus der Eltern.

Desweiteren werden immer öfter Fakten über die bereits wegen des Anti-Propaganda-Gesetzes Verurteilten bekannt. Im rezentesten Fall wurde eine Neuntklässlerin verurteilt, weil sie sich „offen als Vertreterin der nichttraditionellen sexuellen Orientierung“ bekannte. In dem sie sich bei ihren Mitschülern outete und die Meinung vertrat, dass Homosexuelle die gleichen Rechte wie Heterosexuelle haben sollten, hat sie sich der Werbung „nicht traditioneller sexueller Beziehungen in Gegenwart Minderjährige“ strafbar gemacht. An sich ein Schritt, der sehr viel Mut erfordert und anerkannt werden sollte. In einem weiteren Fall wird die Journalistin und Leiterin des Projekts „Kinder 404“, Lena Klimowa, angeklagt. Ankläger ist kein geringerer als Witali Milonow, welcher der Autor des  Sankt Petersburger Anti-Homo-Propagandagesetzes ist. Sie hat sich strafbar gemacht, in dem sie eine Seite auf dem russischen Facebook-Pendant VKontakte einrichtete, auf denen LGBT-Jugendliche sich untereinander austauschen konnten.

Der Kampf um Menschenrechte und Gleichbehandlung wird in Russland in den nächsten Jahren also nicht einfacher werden. Da sich der IOC entschieden hat, zu schweigen, und viele Politiker nicht den Mut haben, die Missstände direkt anzuprangern und in direkter Konsequenz auf ihre eigene Präsenz zu verzichten, bleibt es nun allein an den Bürger. Deshalb unterstütze ich die #GayFolksMovement-Kampagne der Hirschfeld-Eddy-Stiftung des Lesben- und Schwulenverband in Deutschland.

Auch hier in Luxemburg wird es eine Schweigeminute geben. Alle jene, die sich mit den in Russland Betroffenen solidarisch zeigen wollen und die sich gegen Unterdrückung der Menschenrechte stark machen wollen, sind herzlich eingeladen, am 7. Februar um 16:45 zur Russischen Botschaft in Dommeldange zu kommen. Weitere Infos zur One Minute in Silence-Aktion findet ihr auf http://www.rosa-letzebuerg.lu/?p=1175 sowie auf der Facebook-Event-Page: http://www.facebook.com/events/819343794757795

In diesem Sinne: Gesegnete Hungerspiele!

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